Therabi DBG Wertheim 2017

Wir sind entkommen.  

Knapp, doch mit wehenden Fahnen*.  


Mit vereinten Kräften ist es uns gelungen die Fesseln des Bildungsapparates aufzubrechen. Die Zwangsjacke der Unterdrückung wurde abgelegt. Schweren Schrittes ließen wir die kalten Mauern der Anstalt hinter uns und stürzten uns ins Leben. Unsicher wie es weitergehen würde, begannen wir unsere RehABIlitation. Manch einer suchte schützende Zuflucht im Ausland, doch für den Großteil begann die schleppende Eingliederung in die Gesellschaft.  

Wieder auf eigenen Beinen zu stehen, das Leben wie den Tag selbst planen zu dürfen war eine Freiheit, wie wir sie lange nicht gekannt hatten. Viele wurden rückfällig, suchten Rückhalt in einer Welt, die ihnen vertraut erschien. Von Stundenplan und Schichtsystem geknebelt, verbrachten sie ihr Dasein in jener Routine, die sie einst zum Ausbruch getrieben hatte. Die anderen jener, vom Ruf der Freiheit verblendet, stürzten sie sich in ein Leben voller Selbstbestimmung, voller Eigenverantwortung und weltgegebenem Leistungsdruck. Die einst wärmende und nährhafte Küche der Anstalt wurde ersetzt durch in kochendem Wasser gegarte Weizengriesendprodukte. Die einst großflächigen TherABIräume wichen einer winzigen Zelle. In nahezu menschenunwürdigen Zuständen fristen sie so ihr Dasein im nicht enden wollenden Kreislauf aus Atmen, Wissensaufnahme, (kurzen mentalen Nahtoderfahrungen während der Klausurenphase) und Schlafen. 

Kaum verwunderlich also, dass sich manch einer in die Zeit, die wir gemeinsam in der Anstalt verbrachten, zurücksehnt. Die alltägliche Routine schützte uns vor Willkür, die Fesseln gaben uns und unserem Leben Halt. Wer denkt nicht gerne zurück an die TherABIsitzungen mit Keira Knightley, an die Muskelstählungsprogramme des Jochen B.? Sehen wir die Zeit in der Anstalt als Mahnung, sehen wir sie als Vorbereitung auf ein Leben, in dem mental-genesen zu sein einen Ausnahmezustand bildet. Oder wie der Geisterfahrer auf der Autobahn: Verrückt sind immer die anderen. 

Wenn uns auch die Tore der Anstalt (dank exzellenter Führung) verschlossen bleiben, würde es mich, als Autor dieses digitalen** Schriftstücks, doch sehr verwundern, wenn nicht dem ein oder anderen der Rückfall gelingt. So wie die Kröte selbst nach monatelanger Reise immer wieder zu ihrem Heimattümpel zurückfindet, werden auch wir uns wiedersehen, sei es bei Altstadtfest, Messe oder (Gott behüte!) Jahrgangstreffen.  


Wenn ich persönlich eines aus meiner Zeit in der Anstalt gelernt habe, dann dass geteiltes Leid verbindet.

Denn ob rehABIlitiert oder nicht – die Welt, sie hat uns wieder! #Faust #TherABI #Textover #Punkt 

 
 
*Nicht diese Art von Fahnen! 
**Oder analogen? Wer weiß…